Der Moment, in dem ein Leben kippt
Der Fall Collien Fernandes
von Christian Stoll, 26.03.2026
Diese Geschichte beginnt nicht mit einem Urteil, das der Öffentlichkeit präsentiert wird. Diese Geschichte beginnt mit einem Vorwurf und mit einem Namen.
Der Vorwurf
Christian Ulmen soll über Jahre hinweg Fakeprofile erstellt und dabei den Namen seiner Ehefrau Collien Fernandes verwendet haben. Er soll pornografische Bilder und Videos hinzugefügt haben – von Frauen, die ihr sehr ähnlich sehen.
Männer glaubten, tatsächlich mit der Schauspielerin zu chatten, mit der Kollegin.
Wenn das stimmt, muss es geahndet werden. Persönlichkeitsrechte wurden verletzt, Beleidigung und Stalking stehen im Raum. Der Gesetzgeber plant, dies unter Strafe zu stellen: Die Herstellung und Verbreitung pornografischer Deepfakes soll ein eigener Straftatbestand werden.
Dass es so gewesen sei, soll Christian Ulmen seiner Frau auf Nachfrage bestätigt haben.
Er habe einen sexuellen Fetisch entwickelt, den er nicht mehr kontrollieren konnte. Kontrollverlust.
Das war im Dezember 2025. Im Februar 2026 erfolgte die Scheidung. Im März 2026 machte Collien Fernandes den Vorfall publik und benannte ihren Ex-Mann als Urheber der Fakeprofile.
Die Öffentlichkeit ist empört. Die Solidaritätsbekundungen sind überwältigend.
Die Politik wird aufmerksam. Gesetze sollen geändert werden.
Die öffentliche Vorverurteilung
Es stellt sich die Frage, ob es nötig war, den Namen von Christian Ulmen der Öffentlichkeit preiszugeben.
Aufgrund seines Geständnisses im Dezember 2025 und der Scheidung im Februar 2026 durfte Collien Fernandes annehmen, dass die Ungeheuerlichkeiten in den Fakeprofilen eine Ende gefunden haben.
Weshalb wurde er dennoch der Öffentlichkeit vorgeführt?
Dass Collien Fernandes sich wehrte, ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung verletzt sah und politische Veränderungen anstoßen wollte, ist nachvollziehbar. Die Frage ist jedoch, ob der Preis dafür nicht zu hoch war: die mutmaßlichen Verfehlungen von Christian Ulmen öffentlich zu machen – sofern er sie begangen hat. Die Unschuldsvermutung gilt selbstverständlich.
Ob der Erfolg ihrer Kampagne auch ohne die Nennung des Namens eingetreten wäre, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
Ob Rache oder mediale Aufmerksamkeit eine Rolle spielten, lässt sich von außen nicht beurteilen.
Leser:innen, die schon früher ähnliche Szenarien mit Schuldzuweisungen miterlebt haben – zum Beispiel das Geschehen um Jörg Kachelmann –, dürften es förmlich fühlen, wie das Leben von Christian Ulmen droht zu kippen: Stück für Stück und leise. Es hat schon begonnen: Shop-Apotheke beendete die Zusammenarbeit im März 2026.
Während Gerichte geduldig Beweise prüfen und Aussagen abwägen, um zu einem Urteil zu gelangen, bringt die Öffentlichkeit diese Geduld oft nicht auf.
Sie kennt nur den Moment. Sie kennt den Vorwurf. Und sie kennt den Namen. Das genügt.
Das Leben wird sich verändern
Das Leben von Christian Ulmen wird nicht mehr dasselbe sein – unabhängig davon, wie die Sache ausgeht.
Auch das Leben seiner Kinder wird sich verändern. Der Vater ist mit einem Makel belegt, der Entfremdung zur Folge haben kann. Und Mobbing.
Ein Riss durch das Kinderherz entsteht, der bleibt. Ein Leben lang.
Der Freundeskreis ist verunsichert – eine Zerreißprobe.
Auch das Leben der betagten Eltern von Christian Ulmen wird ein anderes sein. Scham stellt sich ein, wie so oft, wenn Eltern erleben, dass ihrem Kind etwas Schwerwiegendes vorgeworfen wird. Ein ständiger Begleiter. Scham wiegt schwer.
Macht das alles überhaupt Sinn?
Geht die ganze Diskussion um die Gesetzesänderung nicht völlig an der Realität vorbei? Ist noch nicht in den Köpfen angekommen, dass das Internet nicht zu kontrollieren ist und es weiterhin weltweit Millionen von Fake-Profilen und Deepfakes geben wird – mögen die Sicherheitshürden und Strafen in Deutschland auch noch so hoch sein?
Am Ende dieser Debatte könnte es nur Verlierer geben: Collien Fernandes, Christian Ulmen, die Kinder, die Eltern.
Wie viel Leben darf zerstört werden, um zu zeigen, dass etwas falsch war?