Alsterhaus Restaurant, Hamburg Jungfernstieg: Ich kann auch Schwein sein.
Wenn ich schon mal bei schönstem Sonnenschein in der Innenstadt bin, gibt es für mich nichts Schöneres, als oben im Alsterhaus-Restaurant an einem Fensterplatz zu sitzen und die Aussicht auf die Binnenalster zu genießen – mit einem großen Stück Erdbeerkuchen mit Schlagsahne (6,80 €).
Voller Vorfreude auf dieses Highlight peile ich geradewegs den letzten freien Fensterplatz an. Kurz vor dem Ziel rauscht plötzlich etwas Großes, Schwarzes mit der Wucht einer Abrissbirne an mir vorbei und lässt sich unter dem hölzernen Getöse schiebender Stühle schnaubend auf den begehrten Stuhl am Fenster fallen. Gleichzeitig knallt ein durch die Luft wirbelnder Rucksack auf den Tisch – ein unmissverständliches Zeichen für den soeben erklärten, finalen Gebietsanspruch.
Machtlos und verärgert, sehr verärgert, stinkesauer, kapituliere ich, drehe nach rechts ab und steuere auf die nahegelegene Sitzbank zu.
Anstelle des ungehinderten Blicks auf die glänzende Binnenalster und die in hellblau eingerahmte Hamburger Skyline endet mein Blick nun an einer schnöden Wand, mit dem Fenster meiner Begierde dazwischen – ein schwacher Trost. Davor, die Silhouette der noch recht jungen, vielleicht zwanzigjährigen, korpulenten Okkupantin, die sich auf „meinem” Stuhl wohlig räkelt wie eine Kegelrobbe auf einer Sandbank und – als wäre ich noch nicht genug gedemütigt worden – wirft sie mir auch noch einen bösen Blick zu, als hätte ich versucht, mich an ihr Eigentum zu vergreifen.
Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass die junge Lady wahrscheinlich nur die Vorhut eines Familienclans ist, vom Vater losgeschickt, um einen passenden Lagerplatz für das Mittagsmahl auszukundschaften und zu besetzen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Rest der Familie mit vorgehaltenen, mit allerlei Speisen üppig beladenen Tabletts dazustoßen würde. Der Vater wird seiner Tochter für diesen tollen Platz ein Lob aussprechen und alle werden gemeinsam die Aussicht genießen auf die glänzende Binnenalster und die in hellblau eingerahmte Hamburger Skyline.
Falsch gedacht!
Die Jungnymphe wuchtet ihren Louis Vuitton-Rucksack vom Tisch auf den Stuhl neben sich und fördert – ich traue meinen Augen nicht – eine Brotdose zutage und fängt an – ich bin sprachlos – seelenruhig ein Sandwich zu verspeisen, während sie die Aussicht genießt auf die glänzende Binnenalster und die in hellblau eingerahmte Hamburger Skyline.
Von wegen „Vorhut für einen heranrückenden Familienclan”. Das ist eine Schnorrerin erster Güteklasse mit narzisstischen Zügen und latenter Verachtung sozialer Umgangsformen. Sie benimmt sich nicht nur einem älteren Herrn gegenüber unhöflich und respektlos, sondern zollt auch dem Kaufhaus keinen Respekt, indem sie dessen Räumlichkeit nutzt, ohne etwas zu verzehren, und darüber hinaus in egoistischer Manier einem zahlenden Gast den besten Sitzplatz wegnimmt.
Hoppla, jetzt beugt sie sich erneut zu ihrem Rucksack herab und entnimmt ihm – eine kleine Flasche Cola. Das Menü ist komplett.
In diesem Moment bemerkt sie, dass ich sie beobachte. Sie hält in ihrer Bewegung inne. Schultern und Augenbrauen schnellen in die Höhe, als sie laut und vernehmlich sagt:
„Was guckst du, Alter? Bin isch Kino oder was?”
Ich senke meinen Blick langsam und unaufgeregt, ohne zu antworten.
In Frankreich hätte sich Monsieur eine solche Unverschämtheit sicher nicht bieten lassen und hätte die Göre für ihren abschätzigen Spruch am Ohr aus dem Restaurant gezogen.
In Amerika hätte Grandpa vermutlich eine Pistole gezogen und dieser respektlosen Bitch mit dem Lauf seiner Wumme die Richtung gewiesen, in die sie sich verziehen soll.
In Deutschland wendet man sich wortlos ab, schmollt und fängt an, fiese Pläne zu schmieden.
Ich schlucke den letzten Bissen meines Erdbeerkuchens, packe meine Sachen und lasse die Schnorrerin dabei nicht aus den Augen.
Auch nicht in dem Moment, in dem ich aufstehe und sie mich ansieht. Mein Blick bohrt sich in ihre Augen als unmissverständliches Zeichen, dass das hier noch nicht vorbei ist.
Die herbeigerufene Küchenchefin begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln.
Ich berichte ihr das Geschehene, woraufhin sie sich für den Hinweis bedankt und hinzufügt: „Das haben wir gleich.”
Hinter einem Pfeiler beobachte ich, wie die Küchenchefin an den Tisch der Trittbrettfahrerin herantritt. Nach einem kurzen Wortwechsel zeigt sie mit dem Arm in Richtung Ausgang. Daraufhin verlässt die Schickse mit ihrem Plastik-Luis-Vuitton-Rucksack schimpfend und mit schnellen Schritten das Restaurant.
Ich kann auch Schwein sein.
Zurück an der Kuchentheke gönne ich mir ein zweites Stück Erdbeertorte mit Sahne (6,80 €) und genieße endlich die Aussicht auf meine glänzende Binnenalster und meine in hellblau eingerahmte Hamburger Skyline – in aller Ruhe.