Als es in Hamburg plötzlich keine Tauben mehr gab.
von Christian Stoll
Es geschah im frostigen Dezember des Jahres 1854 mitten auf dem Jungfernstieg.
An einem sonnigen Vormittag brach sich die Mutter des Stadtkämmerers Hansen den Oberschenkel. Sie war auf zentimeterdickem Taubenkot ausgerutscht, der durch den feinen Nieselregen zu einer rutschigen Pampe geworden war, und schlug hart auf dem Kopfsteinpflaster auf.
„Diese verdammten Tauben!“, fluchte der Stadtkämmerer. „Man sollte sie beseitigen. Alle miteinander.“
Mit dieser Meinung war er nicht allein.
Die Tauben waren tatsächlich zur Plage geworden. Sie waren überall, und ihr Kot hing pfundweise an Fassaden, Laternen und Denkmälern.
Schon das kurze Rascheln einer Papiertüte genügte, um eine Invasion gurrender Vögel aus allen Richtungen herbeizurufen, die jede Handbewegung mit starren Glubschaugen verfolgten.
So manches Kleinkind in einer Babywippe soll schon unter einem Schwarm Dutzender Federviecher verschwunden sein, nur weil ihm ein paar Krümel auf den Bauch gefallen waren.
An Sonntagen kam es nicht selten vor, dass Jungfern auf dem Jungfernstieg in Begleitung ihrer Eltern weinend die Flaniermeile verließen – weil ihnen ein Schwarm Tauben mitten in die kunstvolle Frisur gekackt hatte.
Niemand fühlte sich in jener Zeit noch sicher.
Wie kommt man der Taubenplage bei?
Aber wie sollte man sich der Tauben entledigen? Einfangen konnte man sie nicht, denn es waren zu viele. Vergiften schied aus, da auch andere Vögel gefährdet gewesen wären. Erschießen war zu teuer, zu laut und wegen drohender Querschläger zu gefährlich.
Auch Falken kamen nicht infrage, denn sie hätten sich ebenso auf Katzen wie auf kleine Hunde gestürzt, die lediglich mit dünnen Leinen an den porzellanzarten Handgelenken bourgeoiser Damen gesichert waren.
Das plötzliche Entreißen ihrer aus adliger Qualzucht hervorgegangenen Vierbeiner hätten Verletzungen zur Folge haben können, die der Stadt teuer zu stehen gekommen wären.
Mit diesen Gedanken ging Stadtkämmerer Hansen zu Bett.
Er schlief unruhig in dieser Nacht. Nicht nur wegen der Tauben. Auch wegen seiner Frau, die im warmen Federbett noch eine Runde kuscheln wollte. Doch bei dem sorgengeplagten Hansen rührte sich nichts – nicht einen Zentimeter weit.
Das – und die Tauben – beschäftigte den Stadtkämmerer auch noch am nächsten Morgen auf dem Weg ins Rathaus. Er ahnte noch nicht, dass diese beiden Gedanken ihn sehr bald zu einer Lösung führen würden.
Während er an seinem Schreibtisch saß und darüber nachdachte, ob er einen Kammerjäger bestellen sollte, um mit ihm das Taubenproblem zu besprechen, schoss ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Er war so genial, dass ihm vor lauter Schreck beinahe die Augen wie Billardkugeln aus den Höhlen sprangen.
Er war sich sicher: Diese Idee würde das Problem ein für alle Mal lösen.
Die Hamburger Taubenplage würde der Vergangenheit angehören. Und die dankbaren Bürger würden ihn dafür eines Tages zum Bürgermeister machen.
Die Idee
Er ließ seine stets schnaubende, schwergewichtige Schreibkraft kommen – das geschwätzigste Weib in ganz Hamburg – und diktierte ihr eine fingierte Aktennotiz. Darin hieß es, ein chinesischer Arzt habe ihm ein uraltes Geheimnis verraten: Taubenfleisch sei das wirksamste Potenzmittel der Welt.
Keine zwei Wochen später zeigte das Gerücht Wirkung.
Immer häufiger sah man Frauen, die Jagd auf Tauben machten. Woche für Woche wurden es mehr.
Zu Hause setzten die Ehefrauen ihren ahnungslosen Männern mehrmals wöchentlich erwartungsvoll frisch gefangenes Taubengulasch vor.
Die Prostituierten taten es ihnen gleich und boten frustrierten Freiern zu horrenden Preisen gebratenes, in Streifen geschnittenes Taubenfleisch an.
Und zu Weihnachten gab es in jenem Jahr in den Hamburger Familien weder Karpfen noch Gans noch Kartoffelsalat mit Würstchen. Aufgetischt wurde … genau: Taube.
Taubenfreies Hamburg
Im Januar 1855 war Hamburg nahezu taubenfrei. Weit und breit waren keine Tauben mehr zu sehen. Die wenigen Überlebenden hatten sich unter Dachsimsen verschanzt. Doch auch dort wurde sie mit Netzen an langen Stangen gejagt.
Die Preise für die „Hamburger Stadttaube“ erreichten auf dem Schwarzmarkt historische Höchststände.
Anfang Februar ebbte der Boom schlagartig ab, als sich die Freier auf der Reeperbahn bei den Damen über die ausbleibende Wirkung beschwerten. Bald darauf kamen auch die Marktfrauen zu demselben Ergebnis wie die Ehefrauen.
Von diesem Tag an stand wieder Labskaus auf den Tischen.
Das Gerücht scheint sich jedoch bis in die heutige Zeit hartnäckig zu halten. Wer weiß, ob nicht doch noch ein alter Aktenvermerk im Rathaus schlummert?
Bis heute steht Taube in der gehobenen Gastronomie auf der Speisekarte – und soll vor allem von Hamburger Senatoren bestellt werden – stets mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.