Sonntagsfrühstück.
von Christian Stoll, 26.03.2026
Sonntagmorgen am Frühstückstisch. Die Sonne schickt einen dicken Balken Licht in die Küche.
Meine Frau sitzt mit dem Rücken zum Fenster, ihren linken Fuß hat sie auf die Sitzfläche gestellt. Während sie sich mit der rechten Hand kleine Häppchen zwischen ihre wunderschönen Lippen schiebt, ruht die linke auf dem aufgestellten Knie. In den Fingern hält sie den Flyer mit dem Programm für den heutigen Abschlusstag ihres Psychologenkongresses, der in Kürze beginnt.
Ich liebe ihr morgendliches Gesicht. Es ist so rein, so entspannt, so friedlich. Die Gedanken des Alltags haben sich darin noch nicht festgesetzt.
Ihre hellblaugrauen Augen, umrahmt von langen, blonden Wimpern, ruhen auf dem Flyer. Ihre Lippen bewegen sich sanft im Takt zu den Kaubewegungen.
Es ist ein wunderschönes Gesicht. Das größte Glück für einen Mann ist es, wenn das Gesicht der eigenen Frau auch nach Jahren noch bezaubert.
„Schau weg!“, mahnt sie mich. Sie mag es nicht, wenn ich sie so anstarre. Erst recht nicht morgens.
„Was kann ich dafür, dass du so ein hübsches Gesicht hast?“, antworte ich.
„Ach, du findest nur mein Gesicht hübsch?“
Typisch Frau.
Ich richte meine Aufmerksamkeit also wieder auf die Zeitung. Beiläufig durchbreche ich die sonntägliche Frühstücksidylle mit der unbedeutenden Frage: „Dürfen Beschäftigte in einer Teefabrik eigentlich eine Kaffeepause machen?“
Was jedem anderen Menschen auf dieser Welt wenigstens ein Lächeln entlockt hätte, löste bei meiner Frau lediglich einen ungläubigen Gesichtsausdruck aus.
„Warum nicht?“, antwortet sie irritiert. „In einem Schlachthof arbeiten sicherlich auch Vegetarier.“
„Schatz, das war ein Witz, ein Joke.“
„Ach? Ein Witz? Einer deiner Witze, über die niemand lachen kann.“
„Alle lachen über meine Witze, nur du nicht. Weil, mein Liebling, du zu der Sorte Mensch gehörst, die keinerlei Sinn für Humor hat. Das ist …“
„Ich habe keinen Sinn für Humor?“
„Genau.“
„Oh doch, mein Lieber. Ich habe sehr wohl Sinn für Humor. Mehr als du denkst. Das Problem ist, mein Lieber, deine Witze sind einfach nicht witzig.“
„Herrschaftszeiten, du bist so sexy, wenn du wütend bist.“
„Lenk nicht ab. Du bist einfach nicht witzig. Sag mir: Auf einer Skala von eins bis zehn, wo würdest du meinen Sinn für Humor ansiedeln?“
„Bei null.“
„Du hast sie doch nicht mehr alle.“
Ich stehe schmunzelnd auf, um mir eine Tasse Kaffee zu holen. „Wie kann ein Mensch nur so schön sein, wenn er wütend ist?”, denke ich belustigt und sage: „Du hast den Humor einer Rolltreppe, mein Schatz.“
„Was sagst du da?“
Das war ein Satz zu viel.
Wütend springt sie auf, stürmt auf mich los und boxt auf mich ein. Das macht sie gerne. Zuerst versucht sie, mir in den Bauch zu boxen. Da ist meine Deckung allerdings exzellent, und sie tut sich weh. Sie ändert ihre Taktik und nimmt sich den Teil meines Körpers vor, der ungeschützt ist: meinen Rücken.
Ein Boulevard-Reporter würde vermutlich schreiben: „Frau schlägt mit ihren kräftigen Fäusten mit der Wucht einer Abrissbirne wieder und wieder auf den schutzlosen Körper ihres Mannes ein.“
Die Fäuste meiner Süßen sind allerdings so groß wie Aprikosen, und Schmerzen fügen sie mir auch nicht zu. Sehr zum Leidwesen meiner Frau, die umso wütender wird, je heftiger ich in mich hineinlache.
Sie wird müde. Das merke ich daran, dass die Intervalle ihrer Schläge länger werden.
Dann der letzte Schlag, direkt auf mein rechtes Schulterblatt.
Sie nimmt mein Gesicht in die Hand, gibt mir einen Kuss auf die Wange und sagt:
„Ich geh jetzt duschen.“
Entkräftet, mit hängenden Armen, schlurft sie aus der Küche.
Ich rufe ihr amüsiert nach: „Du kannst froh sein, Schatz, dass du kein Mann geworden bist. Du würdest wegen Körperverletzung sehr oft im Knast sitzen.“
Aus dem Flur höre ich ein schwaches: „Ja, ja. Depp!“
Sie wird erst am Nachmittag zu Hause sein.
Gegen Mittag lege ich auf dem Küchenboden eine Fläche von etwa einem Quadratmeter mit Alufolie aus.
Darauf eine Lage Krepp. Aus dem Gefrierfach entnehme ich eine Schachtel Heidelbeeren.
Behutsam verteile ich einige Beeren in gleichmäßigen Abständen und lege mich behutsam für einige Minuten mit dem Rücken darauf ab.
Es ist 16 Uhr: Die Tür geht auf. Mein Schatz ist zurück mit zwei Stücke Erdbeertorte. Die hat sie noch schnell in der kleinen Bäckerei auf St. Pauli gekauft. Dort wird der Kuchen noch selbst gemacht und schmeckt dementsprechend köstlich. Und nein, ich werde an dieser Stelle nicht verraten, um welche Bäckerei es sich handelt. Ich habe nämlich keine Lust, demnächst in der Schlange zu stehen, nur weil manche Leute alles gleich nachmachen müssen.
„Was hast du?“, fragt sie verunsichert mit besorgtem Blick. Ich zeige auf meinen Rücken und sage mit gequälter Stimme: „Mein Rücken. Die Schmerzen sind unerträglich.“
„Um Gottes Willen, Schatz“, sagt sie voller Panik, zieht den Hocker in die Mitte der Küche, setzt mich darauf, rollt mein T-Shirt hoch und sagt: „Lass mal sehen!“
Als sie die dunkelblau-violetten ‚Hämatome‘ sieht, die überall auf meinem Rücken verteilt sind, entfährt ihr ein Schrei.
„Oh Gott, Schatz, Liebling, das wollte ich nicht. Das wollte ich wirklich nicht. Es tut mir so leid. Das muss sofort behandelt werden.“
In diesem Moment bemerkt sie meinen bebenden Oberkörper, der sich vor Lachen nicht mehr halten kann.
„Du mieser, hinterhältiger Dreckskerl, du“, springt mir von hinten auf den Rücken, umschlingt mit beiden Armen meinen Hals und übersät mein Gesicht mit ihren Küssen.
Ich liebe diese Frau.