Sturz im Alter - WO SIND EURE HÄNDE, WENN IHR UNTERWEGS SEID
Ein Sturz im Alter kann innerhalb weniger Sekunden das Leben eines Menschen verändern. Besonders alltägliche Situationen können zur Gefahr werden, wenn ein Stolpern nicht mehr rechtzeitig abgefangen werden kann. Diese Erzählung handelt von einem solchen Unfall – und von einer kleinen Gewohnheit, die plötzlich eine große Bedeutung bekommt.
Christian Stoll, 17.11.2025 – update
Es war immer ein schöner Anblick: Das ältere Ehepaar von gegenüber frühstückte bei schönem Wetter stets auf dem Balkon, umgeben von bunten Blumen, die die Rentnerin mit Hingabe pflegte. Ihr Balkon war der prächtigste in der Straße. Nach ihrem plötzlichen Tod während einer Operation übernahm ihr Mann Jahr für Jahr die Pflege der Blumen – mit der gleichen Liebe zum Detail. Nur das Frühstück nahm er nicht mehr im Freien ein.
Im letzten Spätsommer verließ er an einem warmen Samstagvormittag die Wohnung, vermutlich um für das Wochenende einzukaufen. In der Gewissheit einer baldigen Rückkehr, so vermutete der Sohn später, ließ er die Balkontür offen und das Radio eingeschaltet.
Als er die Haustür hinter sich abschloss, ahnte er nicht, dass das Schicksal bereits entschieden hatte, dass er seine Wohnung nie wieder betreten würde, weil er wenige Minuten später ein Pflegefall sein würde.
Er bog in die schmale Sackgasse ein. Die Hände in den Hosentaschen, den Einkaufsbeutel locker am Handgelenk. Eine hochstehende Gehwegplatte brachte ihn ins Stolpern. Die tief in den Hosentaschen vergrabenen Hände verhinderten, dass er sich reflexartig nach vorne abstützen konnte. Sein Kopf prallte hart auf den Stein. Schädelbasisbruch, Gehirnblutung.
Nach einjährigem Siechtum starb er am frühen Montagnachmittag.
Seither ist es mir zur Gewohnheit geworden, meine Hände unterwegs nicht mehr in die Tasche zu stecken.